Altai
Putins vergessene Kinder

Der Borschtsch brodelt auf der Herdplatte. Sein herzhaftes Aroma zieht zu den beiden Etagenbetten am Fenster hinüber. Auf den unteren Matratzen drängen sich zehn Studierende, sie lachen über die Fotos vom Jugendfestival in Rubzowsk, wo sie im Mai deutsche Sketche aufführten und ihre Klubhymne präsentierten. Tanja greift hinter das Bett zur Gitarre und beginnt zu klimpern, die anderen singen inbrünstig den selbst gedichteten Text: „Wir sind jung und kreativ, wir sind schön und sehr aktiv...“ Das „R“ rollt tief nach russischer Art, das „ö“ bleibt unvollendet offen, das „U“ dehnt sich zärtlich in die Länge. Tanjas Augen strahlen, als sie die letzte Zeile anstimmt: „Wir hoffen, dass unser Klub leben wird!“



Hoffnung ist etwas Neues für die Heranwachsenden der Russischen Föderation. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zerbrachen sämtliche Strukturen staatlicher Jugendarbeit. Die wirtschaftliche Misere sowie wachsende Arbeitslosenzahlen erzeugten ein Klima der Angst und Orientierungslosigkeit. Mit der KPdSU verschwanden auch Oktoberkinder, Leninpioniere und der Kommunistische Jugendverband Komsomol aus dem öffentlichen Leben. Organisierte Freizeitgestaltung fand nicht mehr statt. Zurück blieb ein Vakuum, das die langsam entstehende Zivilgesellschaft nur mühsam wieder zu füllen beginnt.

Hoffnung für die Jugend

„Die Jugend wurde einfach vergessen“, sagt Natalja Chaustowa von der Entwicklungsgesellschaft Halbstadt (EGH), einem Joint Venture der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der örtlichen Erzeuger- und Liefergemeinschaft „Brücke“. Natalja Chaustowa versucht mit der EGH ein tragendes Netzwerk von Jugendorganisationen aufzubauen, um den Heranwachsenden in der benachteiligten Region Altai im Südwesten Sibiriens Perspektiven zu schaffen.

Tanja ist glücklich, in Barnaul gelandet zu sein, 300 Kilometer weit weg von der Mutter und den Geschwistern. Auf dem Dorf gibt es nichts außer Gartenarbeit, frühen Schwangerschaften, Armut. Die Männer saufen Selbstgebranntes, die Frauen schuften in Haus und Hof. Hier in der Hauptstadt der Region Altai studiert Tanja Deutsch auf Lehramt. Sie lebt im Wohnheim und solange die Noten stimmen, kommt sie mit ihren Stipendien über die Runden. 29 Euro pro Monat zum Leben. Der Staat zahlt für sehr gute Leistungen 600 Rubel im Monat, das Sozialamt 400, weil die Mutter alleine lebt.



Die Discos, Kinos oder Bars der 600.000-Einwohner-Stadt bleiben unerreichbarer Luxus. Schon das Mittagessen in der Mensa kostet 20 Rubel, der Eintritt in die angesagteste Disco 200. Also kocht Tanja lieber selbst und amüsiert sich mit ihren Freundinnen. „Wir müssen sparen“, sagt sie lachend, wirft den dunkelblonden Pferdeschwanz schwungvoll nach hinten und bringt ihren 20 Jahre jungen Körper in Pose. „So bleiben wir wenigstens schlank.“





Kleine Träume

Tanjas Leben spielt sich in kleinen Bahnen ab. Ihre Wünsche sind bescheiden und realistisch. Unterrichten will sie, auf jeden Fall in der Stadt bleiben, vielleicht sogar 200 Kilometer weiter nach Norden ziehen in die sibirische Metropole Novosibirsk. Dort endet ihre Vorstellungskraft „In Moskau oder St. Petersburg wartet niemand auf uns.“ Im Ausland schon gar nicht. Also versuchen die meisten der 22.000 Barnauler Studenten ihr Glück in der Heimat. Ihre Chancen stehen schlecht: über 35 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 29 Jahren finden hier keine Arbeit, nur die Hälfte aller Hochschulabsolventen bekommt eine Anstellung.

Doch Tanja lässt sich nicht verdrießen. Auch ohne Geld hat sie Spaß. Vor allem, seitdem der Jugendklub KreAktiv im September 2004 entstand. Einmal pro Woche treffen sich 20 Studierende im Fremdspracheninstitut der staatlichen Universität Altai. Dort lernen sie Deutsch, singen, quatschen, proben Theaterstücke oder verabreden sich zum Borschtschkochen. Durch KreAktiv ist Tanjas Welt ein Stück größer, offener und reicher geworden.



„Es ist einfach schön, Teil von etwas Großem zu sein“, sagt Tanjas Freundin Ilina. Das Festival in Rubzowks war ein solches Highlight: 30 Jugendklubs mit mehr als 300 Menschen zeigten sich gegenseitig ihr Können. Zwei Tage lang Kultur satt, Diskussionen, Party. Stimmung wie auf einem Kirchentag. Jugendliche aus allen Teilen der Region Altai und der gleichnamigen unabhängigen Republik an der chinesisch-mongolischen Grenze unter sich. Aus einem Gebiet also, das fast so groß ist wie Polen, dessen Infrastruktur jedoch völlig vernachlässigt ist. Und dessen Jugendliche weder Freizeitzentren, noch Kirche, Sportvereine, Rotes Kreuz oder die freiwillige Feuerwehr kennen.

Initiator des Festivals war Natalia Chaustowa. Das Jugendprogramm der EGH unterstützt inzwischen 40 Klubs, gut 2.500 Mitglieder insgesamt. 60 Prozent davon sind Jugendliche. Alle lernen Deutsch, manche singen und tanzen, einige spielen Theater, andere treiben Sport. Computerkurse und Sprachlager sind heiß begehrt, Festivals und Olympiaden bilden den Höhepunkt des Jahres. Die finanziellen Mittel stammen vom deutschen Bundesministerium des Innern, da die Hälfte aller Teilnehmer russlanddeutsche Wurzeln hat.

Aufbau der Zivilgesellschaft

„Unser Ziel ist der nachhaltige Aufbau der Zivilgesellschaft“, sagt Natalja Chaustowa. „Wir wollen die strukturellen Voraussetzungen für eine eigenständige, intensive und komplexe Jugendarbeit schaffen.“ Durch Persönlichkeitstraining, Gruppenleiterausbildungen, Gesundheits- und Bewerbungskurse entwickeln die Jugendlichen fachliche Kompetenzen und Gemeinsinn. Berufsschullehrer und Klubleiter können sich bei der EGH fortbilden; Eigeninitiativen und gesellschaftliches Engagement der Klubs werden finanziell unterstützt. „Wir hoffen, dass die Teilnehmer ihre Erfahrungen später wieder in die Gesellschaft einbringen“, so die Koordinatorin für die Jugendarbeit der EGH.

Max ist auf dem besten Wege. Zum dritten Mal organisiert er mit seinem Klub „Region 4“ ein Sommersprachlager in der Bergrepublik Altai. Mit acht Studierenden sitzt er im Arbeitsraum der Fremdsprachenfakultät von Gorno Altajsk, dem südlichsten Deutschen Kulturzentrum Sibiriens. Strukturiert und effizient klären die Klubmitglieder sämtliche Tagespunkte. Danach ist Zeit für Privates. „Was sollen wir hier schon groß tun“, fragt Max und zuckt seine hageren Schultern. „Spazieren gehen, wandern, unterhalten, Bierchen trinken – das machen wir.“

Vor der Tür steckt sich der 20-Jährige eine Zigarette an und bläst den Rauch rücksichtsvoll nach hinten. Der Sonnabend-Vormittagsverkehr brummt gemächlich über die Straßen von Gorno Altajsk. Mit 53.500 Einwohnern bleibt die Hauptstadt der unabhängigen russischen Republik überschaubar. Holzhäuschen ducken sich im Schatten sanfter Hügel. Blaue Fensterrahmen, Sommerblumen und Kartoffelpflanzen gaukeln ländliche Idylle vor. Doch das Leben ist hier knallhart, nicht nur im eiskalten Winter. Die meisten Städter wohnen in engen Plattenbauten, viele sind arbeitslos. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Bergrepublik lebt unterhalb der Armutsgrenze. Die Kriminalitätsrate von Jugendlichen steigt jährlich um acht, die Zahl registrierter HIV-Infektionen wöchentlich um 50 Prozent.

Gute Ferienjobs im Sprachlager


Die 20 Mitglieder von „Region“ 4 wollen etwas bewegen. Sie vernetzen sich mit anderen Jugendklubs, präsentieren sich auf Stadtfesten und nehmen an nationalen und internationalen Wettbewerben teil. Im Herbst wollen sie an der Fakultät ein deutsches Café eröffnen. Vielleicht gewinnen sie damit den Preis der Robert-Bosch-Stiftung zum Thema „Deutsche Tage in russischen Regionen“. Aber vorher steht noch das Sprachlager an.

„Das ist ein guter Ferienjob“, sagt Naina. 4.000 Rubel bekommt die ausgebildete Erzieherin und jetzige Deutschstudentin für das zweiwöchige Camp von der EGH. Die halbjährige Fortbildung zur Betreuerin hat sie schon hinter sich, das dreitägige Seminar zum Teambuilding steht noch bevor. Bis dahin trifft sich die Clique mindestens zwei Mal pro Woche zur Vorbereitung des Lagers, selbstverständlich ehrenamtlich. Nebenbei laufen die Semesterprüfungen. Naina hat nächste Woche Grammatik, Max hat gerade Lexikologie bestanden und Marina schreibt an ihrer Diplomarbeit. Die Mitglieder von „Region 4“ sind fleißig. Und sie freuen sich auf das Sprachlager – nicht nur, weil sie den Kindern ein tolles Sommererlebnis ermöglichen.

2005

Fotos von Karin Desmarowitz


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