Rumänien
Herz in der Hand, Muskeln im Safe

Während der Wendezeit versagte das rumänische Gesundheitswesen: Rund 10.000 Kinder infizierten sich durch unreine Nadeln und Bluttransfusionen mit dem Immunschwächevirus HIV. Heute versuchen diese jungen Frauen und Männer, ihr Schicksal zu meistern.

Geschickt legt Florin  das Cuttermesser an und schneidet die Pappe mit einem Schwung durch. Auf der Werkbank liegen Folien und Kleber bereit, Pinsel und Farben. Florin stellt Notizbücher, Bilderrahmen und Karten her. Jeden Vormittag arbeitet er vier Stunden in der kleinen Buchbinderei mitten im Zentrum der rumänischen Universitätsstadt Iaşi. Studenten lassen hier ihre Arbeiten kopieren, Familien bestellen Einladungs-, Gruß- und Dankeskarten. über den Online-Shop können Menschen aus dem In- und Ausland die handgefertigten Produkte von „Util Deco“ erwerben. Die Erlöse kommen Leuten wie Florin zugute: Sie sind jung, handwerklich begabt und HIV–positiv.



Florin ist 19 Jahre alt. Seit seinem siebten Lebensjahr weiß er, dass er das Immunschwächevirus HIV in sich trägt. „Ich bin in der ersten Klasse krank geworden und musste in die Kinderklinik. Die ärzte haben lange nicht herausgefunden, was mit mir los war. Drei Wochen später erhielten meine Eltern die Diagnose.“ Die Worte kommen nur stockend über Florins Lippen. Er kippelt mit dem Stuhl. Seine Beine wippen, die Finger spielen mit einem Kugel-schreiber. Florin, ein schüchterner Junge mit blondem, gegeltem Igelkopf, Jeans, Hemd und Lederarmband, ist nervös. Wie sollte es auch anders sein, wenn ein junger Mann Fremden gegenüber sein Schicksal ausbreitet, diese ungeheuerliche Lebensgeschichte, die im Rumänien der Wendezeit Tausenden widerfahren ist.

Infiziert durch schmutzige Spritzen


Zwischen 1989 und 1992 wurden mehr als 10.000 Kinder durch verseuchte Nadeln und Bluttransfusionen mit dem HI-Virus infiziert. Viele von ihnen sind inzwischen an AIDS gestorben. Nach offiziellen Statistiken wurden in Rumänien seit 1995 insgesamt 15.085 Fälle von HIV und AIDS gemeldet. Die tatsächliche Zahl könnte laut Welt-gesundheitsorganisation zehn bis fünfzehn Mal so hoch sein. Niemand weiß, in wie vielen Menschen das Virus unerkannt schlummert. Wer wie Florin Anfang der 90er Jahre geimpft wurde oder sonst in Kontakt mit Nadeln kam, ist ein potenzieller AIDS-Patient. Aktuell leben rund 6.000 infizierte Jugendliche zwischen 15 und 19 Jahren in Rumänien. Wenn sie ohne Schutz und Aufklärung sexuell aktiv werden, droht dem Land eine Epidemie.

„Ich las die Diagnose auf einem Stück Papier, aber ich wusste nicht, was das bedeutete“, erinnert sich Florin. Er weiß nur, dass seine Mutter weinte und sagte, alles würde wieder gut werden. Kein Wort von unheilbarer Krankheit. Kein Wort von Ansteckungsgefahr, Chancen, AIDS oder den Konsequenzen einer Immunschwäche. Die Eltern, arm, wenig gebildet und zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, überblickten die Lage selber nicht. „Der Doktor sagte, ich müsse auf eine Sonderschule“, sagt Florin. Also wurde er mit anderen HIV-positiven Kindern zusammengesteckt. Zu der Zeit wusste man in Rumänien fast nichts über AIDS. Lehrer und Eltern befürchteten, dass sich gesunde Kinder allein durch Körperkontakt, das Benutzen desselben Glases oder Bestecks anstecken könnten.

AIDS macht Feinde


„Später versuchte ich, auf meine Grundschule zurückzukommen“, berichtet Florin, der auf der Sonderschule völlig unterfordert war, „aber der Direktor sagte, er nähme keine HIV-positiven Kinder.“ Stattdessen verbreitete der Schulleiter die Nachricht im Kollegium und unter den Schülern, dass Florin AIDS hätte. Auch die Nachbarn erfuhren es und sagten, er solle ihnen fern bleiben. Von da an war Florin ausgeschlossen. Niemand spielte mehr mit ihm Fußball, er wurde angeschrieen, beschimpft und gemobbt.



Umso erstaunlicher ist es, dass Florin vor ein paar Monaten den Mut gefasst hatte und Aufklärungsmaterial in der Nachbarschaft verteilte. „Ich wollte sie informieren“, sagt er leise. „Ich war nicht sauer, aber ich wollte nicht länger außen vor sein.“ Jetzt ist es okay. Jetzt respektieren sie ihn und helfen ihm, wenn er etwas möchte. Er kickt auch wieder mit den anderen. „Ich bin ziemlich gut“, sagt er, grinst und lehnt sich sichtlich entspannter im Stuhl zurück.
Florin geht es besser, seitdem er Unterstützung bei der Stiftung Alaturi de Voi (ADV) gefunden hat. Seit deren Gründung 2002 lässt er sich regelmäßig von Psychologen und Sozialarbeitern beraten. Er nimmt an den Sommercamps und Workshops teil, engagiert sich bei den Informations-Kampagnen und besucht so oft es geht den Jugendclub. „Hier habe ich zum ersten Mal die vollständigen Informationen bekommen“, sagt er. Er sitzt an einem Tisch im Jugendclub. Die anderen spielen Tischtennis oder lümmeln sich auf dem Sofa, reden und lachen.

Alaturi de voi heißt soviel wie: „dicht bei dir“. 2002 ging die Stiftung aus der Holt International Children’s Services (HICS) hervor. Die US-amerikanische Adoptionsorganisation hatte 1999 ein Programm für HIV-infizierte Kinder in Iaşi, der Hauptstadt des Bezirks Moldau, sowie in der Hafenstadt Constanţa und im siebenbürgischen Tǎrgu Mureş initiiert. Als die Zahl der Fälle rasant stieg, entstand ADV als eigenständige Organisation mit finanzieller Unterstützung von HICS, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF, der Europäischen Kommission, USAID und anderen.

Der Staat ist überfordert

Angela Achitei leitet ADV seit deren Gründung. „Der Staat war mit diesem massiven Problem überfordert“, sagt die Sozialarbeiterin. „Wir als Nichtregierungsorganisation konnten flexibler und unbürokratischer Lösungen suchen. Es ist ein kompliziertes Thema, aber wir machen Fortschritte.“ Die Stiftung richtet sich an HIV-positive Jugendliche mit dem Ziel deren Lebensqualität zu verbessern. ADV will Perspektiven schaffen und die Position der stigmatisierten Teenager innerhalb der Gesellschaft stärken. Dafür engagieren sich Mitarbeiter und Freiwillige auf vielen Ebenen: Psychologen und Sozialarbeiter beraten HIV-Infizierte und deren Familien, die Stiftung macht Lobbyarbeit auf lokaler und nationaler Ebene, sie sucht Pflegefamilien falls nötig und bietet HIV-positiven Jugendlichen Ausbildungen in Buchbinderei, EDV, Kunst und Kunsthandwerk. Kosten-freie AIDS-Tests in Städten und auf dem Land gehören ebenso zum Programm wie Workshops für Journalisten, Gesundheitsbeauftragte, Lehrer oder Kommunalarbeiter. Juristischer Beistand in Rechtsstreitigkeiten, Aufklärungskampagnen, Sommercamps und Jugendclubs vervollständigen die Aktivitäten.

„Die emotionalen Auswirkungen und Belastungen sind enorm“, weiß die Psychologin Ramona Chiriac. „Immer wieder werden sie diskriminiert. Sie müssen lernen , darüber zu sprechen. Wir wollen ihnen den Rücken stärken, dass sie rausgehen, dass sie sich selbst akzeptieren, dass sie ein Familienleben planen oder eine Karriere.“ Ramona Chiriac leitet den Jugendclub in Iaşi. Nachmittags und an den Wochenenden treffen sich hier HIV-positive und gesunde Jugendliche, um miteinander zu spielen, zu reden oder Kampagnen vorzubereiten. Jetzt in den Sommerferien kommt der harte Kern der rund 100 Mitglieder täglich. Nick  ist morgens in den Zug gesprungen, um den Ausflug in den Botanischen Garten mitzumachen. Er wohnt knapp 80 Kilometer entfernt in Pascani. Dort lebt er bei seinen Eltern und geht aufs Gymnasium. Nach den Ferien kommt er in die 12. Klasse, den Abi-Jahrgang.

Nick schlurft durch den Park und fingert an seinem Handy herum. Das beigefarbene T-Shirt schlackert um den dünnen Oberkörper, der Rucksack hängt tief auf seinem Rücken. Er trägt Turnschuhe, Jeans und Blouson. Der fransige Pony ist rot gefärbt. Ein ganz normaler 18-Jähriger. Wenn er nur nicht so hager wäre. „Ich habe meine Muskeln in den Safe gesperrt“, sagt Nick und lacht sich kaputt. Er geht in Bodybuilder-Pose und präsentiert seine mageren Bizeps. Die anderen lachen, klatschen und befühlen anerkennend seine imaginären Muskelpakete. Mǎdǎlina Popescu nimmt ihn in den Arm und strahlt. Sie ist ebenfalls 18 Jahre und Mitglied im Jugendclub. Wie Florin und Nick arbeitet sie ehrenamtlich im Büro von ADV. Wie die beiden wurde Mǎdǎlina in den fünfköpfigen Jugendrat des Clubs gewählt. Anders als die meisten ist sie HIV-negativ.

Freunde fürs Leben

„Im Club treffe ich Leute in meinem Alter und ich habe viele neue Freundschaften geschlossen.“ Wenn Mǎdǎlina redet, lächelt sie die meiste Zeit. Mit ihrem langen, blonden Zopf und der zierlichen Figur wirkt sie viel jünger als sie ist. „Hier bin ich erwachsen geworden“, sagt sie nach einigem überlegen. „Hier habe ich gelernt, dass Leben das Wichtigste ist, nicht Geld oder Reichtum.“ Mǎdǎlina kam mit 15 zu ADV. „Meine Nachbarin erzählte mir von dem Club und dass sie Freiwillige suchen.“ Mit 16 durfte sie endlich ehrenamtlich tätig werden. Seitdem ist Mǎdǎlina bei jeder Kampagne dabei, egal ob es ums Plakattragen geht, ums Zettelverteilen oder um eigene Vorträge. „Ich habe einen Vortrag über HIV und AIDS in meiner Schule gehalten, weil meine Mitschüler nur dummes Zeug über HIV erzählt haben“, sagt sie und weiß: „Ich bin glaubwürdiger als Er-wachsene.“ Ganz offen hat sie die Mitschüler aufgefordert, Kondome zu benutzen und brach damit ein Tabu. „Sogar die Klassenlehrerin wollte nichts von sexuell übertragbaren Krankheiten wissen!“ Noch heute regt sich Mǎdǎlina über so viel Ignoranz auf. „Die Eltern sagen: ,Wird’ nicht schwanger!’, aber niemand in diesem Land redet von HIV oder anderen Krankheiten!"

Mǎdǎlina fällt es leichter, über HIV und AIDS zu sprechen als den Betroffenen. Nick hat sich in seiner Heimatstadt noch nicht geoutet. „Ich bin noch nicht soweit“, sagt er und wird ganz still und ernst. Nur die Familie weiß Bescheid. Es ist ein Leben voller Lügen. Wenn er in den Club geht oder seine Mutter ihm Punkt neunzehn Uhr spritzen muss, denkt er sich für die Freunde irgendeine Ausrede aus. Heute besucht er angeblich einen Cousin. „Manchmal würde ich am liebsten lauthals hinausschreien, dass ich HIV-positiv bin!“ Nick spricht hervorragend Englisch. Nach dem Abitur will er Sozialarbeit studieren und bei Organisationen wie ADV arbeiten. „Es tut gut, unter Gleichgesinnten zu sein und offen über alles sprechen zu können“, sagt er. Dann legt er einen Schalter im Kopf um, er lacht, scherzt und läuft zu den Freunden. Vergessen scheinen die Berichte über ärzte, die ihn nicht behandeln wollen, Mitschüler, die ihn auf seine dünne Gestalt ansprechen und fragten, ob er AIDS habe, den Schock, als er vor vier Jahren die Diagnose erhielt.

Das Leben geht weiter

„Das Leben geht weiter“, sagt Ramona Chiriac. „Die Jugendlichen sehen, dass sie Verpflichtungen und Aufgaben zu erfüllen haben.“ Am Nachmittag zeigt sie im Club einen Film, der letztes Jahr in einem Sommercamp am schwarzen Meer entstanden ist. Fünf junge Männer und Frauen erzählen ihre Geschichte. Einer von ihnen zeigt sein Gesicht. Er nennt seinen Namen. Er steht zu seinem Schicksal und wird dadurch umso glaubwürdiger. Eines Tages werden sich auch Nick, Florin und die anderen trauen, offen über ihre Krankheit zu sprechen. Sie sind auf dem besten Wege. Florin arbeitet seit Anfang des Jahres in der Buchbinderei von ADV. Für die halbe Stelle bekommt er 468 RON, rund 135 Euro. Das liegt zwischen Mindest- und Durchschnittseinkommen und ist ein ziemlich guter Lohn für einen jungen Mann ohne Abitur. Seit drei Monaten hat er eine Freundin. „Laura“, sagt er und grinst verschämt. Dann zeigt er einen Schnappschuss auf dem Handy. Das fröhliche Gesicht einer jungen Frau mit langen, braunen Haaren. Florin wird rot. „Sie weiß Bescheid“, murmelt er. Sie weiß Bescheid und bleibt trotzdem bei ihm. Das Leben geht tatsächlich weiter.

2008

Fotos von Karin Desmarowitz

zurück Download PDF